Ein “Elternabend anderer Art”
   
  “Sind Schule und Elternhaus machtlos?"
   
  Werner Gratzer, Schulleiter, Buchautor und Lehrbeauftragter der Uni Regensburg, gab am Montag, 21.04.2008 in der Aula der Realschule wertvolle Orientierungshilfen zum Thema “Sind Schule und Elternhaus machtlos? Eltern und Lehrer ziehen an einem Strang!”
 
Bereits am Nachmittag hielt Herr Gratzer eine dreistündige Lehrerfortbildung für alle Kollegen der Richard-Rother-Realschule. Die Lehrkräfte  stellten sich am Pädagogischen Tag dem Thema: “Lehrer motivieren Schüler – und wer motiviert Lehrer?“ Hierbei gab Herr Gratzer wertvolle Tipps für den Lehreralltag. Die Zusammenarbeit mit Experten zu pädagogischen Themen wurde von den Lehrerinnen und Lehrern als sehr vorteilhaft und hilfreich gewertet. Auch der Referent zog ein positives Resümee über die Aufgeschlossenheit und Konzentration der Pädagogen.
 
Die Schulleiterin Frau Irma Walter hat den Referenten Werner Gratzer, der in Pädagogenkreisen sehr bekannt ist, nach Kitzingen eingeladen. Frau Walter bezeichnete die Partnerschaft von Eltern und Schule nicht als Vision, sondern als Grundvoraussetzung einer modernen Schule. “Nur in einer guten Zusammenarbeit ist der Erziehungsauftrag machbar.” Sie informierte die Eltern auch über das Engagement der Richard-Rother-Schule im Projekt der Stiftung Bildungspakt Bayern, bei der Kitzingen beispielhafte Module für eine erfolgreiche Elternarbeit entwickelte.
 
Praxisbezogen, spannend, humorvoll, abwechslungsreich und informativ. Rund 160 Eltern und Pädagogen erlebten mit Werner Gratzer einen “Elternabend anderer Art”. Der hochkarätige Referent, Rektor der Hans-Herrmann-Hauptschule Regensburg, anerkannter Buchautor und Lehrbeauftragte an der Universität Regensburg, trat nicht schulmeisterlich mit erhobenem Zeigefinger auf, sondern wusste mit praktischen Erfahrungsberichten die Eltern für die Problemstellung zu sensibilisieren. “Ich will Sie nachdenklich machen. Ich will, dass Sie loslassen und herzhaft lachen.“ Ansteckend wirkten sein Optimismus, gepaart mit einer gesunden Portion Humor. In dieser Eigenschaft geht Gratzer, selbst “Vater von Töchtern”, mit gutem Beispiel voraus. Gerade Humor entspanne Situationen und erspare manchen pädagogischen Kopfstand. “Wer mit Humor begabt ist, hat einen Vorsprung.” Mit anschaulichen Beispielen und konkreten Tipps zog der Pädagoge die Zuhörer über zwei Stunden in seinen Bann und sorgte im “Bausteinsystem” für Nachhaltigkeit.  
 
Eine intakte Familie ist die beste Prävention gegen Gewalt und aggressives Verhalten”. Mit “zehn Geboten für eine gute Familie aus Kindermund” bekräftigte Gratzer die Vorbildfunktion der Familie. Da war die Rede von Demokratie, Vertrauen, Lachen und Reden. Grundsätzlich gelte: “Wir lernen am Vorbild”. Eltern seien das erste Modell, sowohl im positiven, als auch im negativen Sinn, an dem sich Kinder orientieren. Gerade in der Pubertät werde der Eltern-Kind-Dialog immer schwieriger. Er schlug den Eltern als Alternative zum persönlichen Gespräch den schriftlichen Meinungsaustausch vor. Gefühle und Gedanken zu äußern sei unverzichtbar. “Erziehung hat zu tun mit Widerspruch und Widerstand.” Die Brutalität habe sich als Durchsetzungsstrategie erhöht. Fakt sei, dass Kinder und Jugendliche schwierig und zuweilen “Nervensägenprofis“ seien, was man aber nicht pauschalisieren dürfe. Kinder seien keine “kleinen Monster”, wie das zuweilen in der Presse dargestellt werde. Gerade die Medien nähmen einen enormen Einfluss auf die Köpfe und Seelen der Kinder. Ein Beispiel waren Originalzitate aus Sitzungen des Deutschen Bundestages mit Schimpfwörtern der untersten Kategorie. Gratzer ging auf die verschiedenen Gesichter der Gewalt ein und öffnete einen Koffer mit furcht erregenden Gewaltwerkzeugen aus Schülerhand. Ursachen für die Entstehung und Zunahme von Aggressionen seien zu suchen in der Werteverschiebung, im unkontrollierten Medienkonsum und Problemen im Schulalltag. Im Bereich Schule legte der den Verantwortlichen den offenen Umgang miteinander ans Herz. “Kontraproduktiv ist es, wenn Eltern den Lehrer in die Pfanne hauen”. Eltern und Lehrer müssen an einem Strang ziehen. Gefragt seien gerechte Eltern und gerechte Lehrer. “Kinder brauchen und wollen Grenzen als Orientierungshilfe”. Jedes Kind brauche eine Gruppierung, in der es sich wohl fühle. Gratzer, selbst Übungsleiter im Handball, hob die Bedeutung von Sportvereinen für das Erlernen von Sozialkompetenz heraus und warnte gleichzeitig die Eltern vor zu hohen Erwartungen an ihre Sprösslinge. Mit dem Aufruf “Messen Sie Ihr Kind nicht an der Leistung” ging Kratzer auf die Gefahren einer falschen Schullaufbahn ein und definierte: “Leistung = Können x Wollen”. Als wichtiges pädagogisches Prinzip nannte der Referent Lob und Anerkennung als positive Reaktion, wenn ein Kind “aus dem Tal herausgefunden hat”.
 
Zum Ende des Abends versetzte der Referent die Zuhörer bei leiser Hintergrundmusik mit aussagekräftigen Zitaten in eine nachdenkliche Stimmung. “Eltern achtet Eure Kinder” galt als oberstes Gebot. Ermutigen könne der einfache Satz: “Nicht nur meine Kinder sind so“. “Mögen Sie Ihre Kinder, mögen Sie sich selbst, mögen Sie Menschen?“ gab er den Eltern als Denkaufgabe mit auf den Weg. “Personen, die keine Menschen mögen, dürfen nicht Lehrer oder Eltern werden“.
 
 

Text, Fotos: WB, Ul